Von der "Haschhöhle" zum Jugendzentrum - Eine unvollständige Chronik des Fla-Fla (3)

 

 
3. Die Zwischenphase

Trotzdem waren am 30. August wieder alle auf der Straße - diesmal nicht nur im übertragenen, sondern auch im wörtlichen Sinn. Die Vorstellungen des Jugendamtes und der Fla-Aktiven darüber, wie ein Jugendzentrum auszusehen hat, gingen zu weit auseinander. Im Protokoll einer Sitzung des Jugendwohlfahrtsausschusses der Stadt vom 28.8.1972 wurde folgender Beschluss gefasst: "Der Jugendclub "Das Haus" (..) ist mit sofortiger Wirkung zu schließen. Die Verantwortlichen des Jugendclubs haben gezeigt, daß sie den Aufgaben, die sie sich gestellt haben, nicht gewachsen sind. Es ist nicht die Arbeit geleistet worden, die angekündigt war und die der Jugendwohlfahrtsausschuß erwartet hat. (...)"

Nach der Kündigung der Räume durch die Stadt fand eine größere Demonstration statt und mehrere lnformationsstände in der Stadt machten die Öffentlichkeit auf die Probleme der Jugendlichen aufmerksam. Norbert Hartmann: "Zu diesem Zeitpunkt kristallisierten sich die Leute heraus, die kontinuierlich arbeiten wollten und unter anderem auch Kontakt zu Behörden hatten, vor allem dem städtischen Jugendamt und dem Kreisjugendamt."

Mehrere Flugblätter und folgendes Schreiben wurden verteilt:

,,Da wir uns als Alternative zum kommerziellen Konsumangebot begreifen, sollten auch unsere Veranstaltungen Denkanstöße sein.
Ein wichtiger Wert besteht für uns darin, miteinander zu lernen. Und schließlich sind Werte die Zielvorstellungen, nach denen wir unser Leben in der Gesellschaft einrichten. Erst anhand von gemeinsamen Lernerfahrungen bilden sich bestimmte, zu vertiefende Interessen.
Deshalb halten wir es für verkehrt, von vornherein ein feststehendes Konzept weniger Einzelner für Viele festzulegen, in das diese sich dann einzupassen hätten, ohne gemeinsam lernen zu können. Wichtig für den Reifeprozeß sind gemeinsame gleichberechtigte Erfahrungen, die es erst ermöglichen, selbständiges Denken und Handeln zu entwickeln. Um dafür die Voraussetzung zu schaffen ist intensive Kommunikation notwendig.

WIR BRAUCHEN ALSO RÄUME, IN DENEN WIR UNS ZWANGLOS TREFFEN KÖNNEN, IN DENEN WIR LANGE UND INTENSIV MITEINANDER REDEN KÖNNEN, IN DENEN WIR UNS GEMEINSAM MIT DEN VERSCHIEDENSTEN PROBLEMEN AUSEINANDERSETZEN KÖNNEN, IN DENEN WIR UNSERE MUSIK HÖREN KÖNNEN. IN DENEN WIR DIE GESTALTUNG UND ORGANISATION FREI ENTWICKELN KÖNNEN."

Diese Aktion schaffte Verbündete - Erwachsene, die sich für die Probleme interessierten und die Forderung der Jugendlichen nach einem selbstverwalteten Freizeittreff unterstützten.

Um diese Forderung deutlicher zu machen und um gleichzeitig die angesprochenen Jugendlichen zusammenzuhalten, trafen sie sich alle im Vorraum des Rathauses. Dort wurde diskutiert, beratschlagt und auch Musik gemacht. Das Herforder Kreisblatt höhnte. "Der Protest gegen das Etablierte mobilisiert heute einen Teil der Jugend in kürzester Zeit. So sehr es an konstruktiver Mitarbeit etwa in politischen Organisationen fehlt, wenn es gegen "die da oben" zu protestieren gilt, ist man zur Stelle. ist man auch sonst zu träge, ... wenn es um den Protest geht, hat man Phantasie. Diesem Phänomen steht seit einer Woche nun auch ziemlich ratlos die Stadtverwaltung gegenüber."

Der Jugendwohlfahrtsausschuss lud einige Aktive ein, um über neue Möglichkeiten zu verhandeln. Doch die Stadt konnte keine neuen Räumlichkeiten anbieten, und so suchten und fanden die Jugendlichen selber eine alte Fabrik. Die Stadt erklärte sich bereit, dieses Gebäude anzumieten und dem Verein zur Verfügung zu stellen; doch genau das wollten die Jugendlichen nach den vorher gemachten Erfahrungen nicht mehr. Sie mieteten selber die Räume und verlangten finanzielle Unterstützung. Sie bekamen sie. Ein Drittel der Mietkosten wurde von der Stadt Herford übernommen.

Norbert Hartmann: "Wir machten uns selbständig auf die Suche nach einem Haus und mieteten 1973 die ehemalige Schokoladenfabrik an der Schillerstraße. Wir nutzten dort zwei Etagen. Im unteren Bereich war der Kneipenraum, im oberen Stockwerk gab es Räume für Arbeitsgruppen, den sogenannten kreativen Bereich."