Von der "Haschhöhle" zum Jugendzentrum - Eine unvollständige Chronik des Fla-Fla (4)

 

 
4. Das dritte Fla-Fla

Mit den hohen Unkosten, die die Jugendlichen aus der eigenen leeren Tasche bezahlen mussten, konnte keine neue Jugendarbeit geleistet werden. Daraus entstand die Idee, das zweistöckige Gebäude aufzuteilen. In einer Etage entstand eine Kneipe: der Kunst-Klub, der privat geleitet und finanziert wurde. In der anderen Etage sollten Selbstgestaltung und Selbstverwaltung eingeübt werden.

Um das zu gewährleisten wurde folgendes Organisationsstatut beschlossen:

"Der Verein ,,DAS HAUS" ist eine selbständige Jugendgruppe die allen Jugendlichen und auch allen interessierten Erwachsenen offen steht.

Um mit den Behörden und anderen juristischen Personen verhandeln zu können, wurde von uns ein Verein nach dem BGB, also ein eingetragener Verein (,,e. V.) gegründet.
Innerorganisatorisch ist der Vorstand dieses Vereins bedeutungslos und sollte auch nach außen durch die innerorganisatorischen Entscheidungsgremien vertreten werden.

Da wir uns - auch finanziell nicht - von den Behörden abhängig machen wollen und unsere Vorstellung eines selbstverwalteten Jugendzentrum bisher nicht von den zuständigen Behörden akzeptiert wurde, haben wir als Verein private Räumlichkeiten angemietet. Das jedoch im Einvernehmen mit der kommunalen Verwaltung, von der wir mit einem Drittel der Mietkosten unterstützt werden.

Unsere finanzielle Belastung bleibt erheblich:
Alle Besucher sollten trotz der grundsätzlichen Offenheit angesprochen werden auf diese Schwierigkeiten und einen monatlichen Beitrag von DM 2,50 zahlen.

Alle Probleme, Zielsetzungen und deren inhaltliche Bestimmung werden in der wenigsten zweimonatlichen stattfindenden Vollversammlung diskutiert. Die VOLLVERSAMMLUNG ist offen für alle Besucher. Sie wird durch Anschlag bekannt gegeben und alle beitragzahlenden Mitglieder werden schriftlich eingeladen unter Erwähnung der wichtigsten Diskussionspunkte. Die Vollversammlung entscheidet anstehende Probleme nach einer Diskussion. Bei wichtigen Entscheidungen sollten vorher Materialien und Informationen mit versandt werden.

(...)

Wie Anfangs schon einmal geschrieben, ist dieses ORGANISATIONSSTATUT ein erster Versuch, Richtlinien für eine Selbstorganisation zu geben. Das Modell, das sich in erster Linie an der tatsächlichen Praxis orientiert, ist jederzeit durch eine 2/3-Mehrheit der Vollversammlung und die gleichzeitige Zustimmung der Hälfte der Ratsmitglieder veränderbar."

Das Ganze wurde vom Jugendamt mit Argusaugen beobachtet; in einem Aktenvermerk vom März 1973 heißt es: "Vertraulich teilte Herr X (Mitarbeiter der Kripo, Name geändert) mit, daß sowohl Herr Y (Pächter des Kunst-Klubs, Name geändert) wie auch dessen Frau ... drogenabhängig sind. M.E. kann Herrn Y wegen persönlicher Unzuverlässigkeit eine Konzession nicht erteilt werden. Eine Schließung des Lokals kann ich aber auch nicht empfehlen, da dies das Verhältnis zwischen den Herforder Jugendlichen und dem Jugendamt erneut stark belasten würde. (...) .. löst sich das Problem Y durch eine Verurteilung zu einer Haftstrafe ohne Bewährung von selbst. (...) Bei der Verurteilung von Herrn Y zu einer Haftstrafe wäre m.E. der geeignete Zeitpunkt, das Projekt im Haus Freesia auf eine gesetzlich abgesicherte Grundlage zu stellen oder das Haus zu schließen... Die Möglichkeit, die Schankwirtschaft durch den Verein zu betreiben (vergleichbar Hämelinger Straße), halte ich nicht für realistisch. "

Der Mann täuschte sich. Der Verein übernahm die Kneipe, auch wenn dafür viel Schulden gemacht werden mussten. 9.440 Mark kostete die Übernahme; der gesamte Schuldenstand betrug damals 12.656 Mark. Mit privaten Darlehen wurde die Weiterexistenz des Fla-Fla damals gesichert.

Aber der Ärger hörte nicht auf. Jetzt machte die Kreispolizeibehörde Druck; in einem Schreiben an die Stadt vom Oktober 1974 hieß es: "Seit Eröffnung des Clubs treffen sich dort Rauschgiftsüchtige. (...) Der Club wird ständig von einschlägig bekannten Rauschgiftsüchtigen und anderen erheblich in Erscheinung getretenen Straftätern frequentiert. (...) Zusammenfassend kann gesagt werden, daß der Club aus polizeilicher Sicht als in höchstem Maße jugendgefährdend gelten muß."

Das war natürlich völliger Blödsinn, und die Stadt ließ sich auch nicht zum Handlanger der Polizei machen. Man traf sich zwar mit ernster Miene wieder mit den Fla-Fla-Leuten, verließ sich dann aber doch auf deren Eigeninitiative. Mit Erfolg, wie sich zeigen sollte.

Schwierigkeiten nicht nur mit dem Geld gab es auch weiterhin - und die Schwierigkeit, dass Mitbestimmungs- oder gar Selbstverwaltungsmodelle von Jugendlichen eher bekämpft als gefördert wurden.

Dennoch entwickelte sich das Fla-Fla in der Schillerstraße langsam, aber sicher zu einer festen Einrichtung in Herford. Das Bedürfnis nach selbst gestalteter Freizeit wurde mehr und mehr abgelöst durch den Wunsch nach politischem Engagement. Es entstand eine Ortsgruppe SPAK (Arbeitsgemeinschaft sozialpolitischer Arbeitskreise), deren Mitglieder sich für politische Sozialarbeit engagierten und von denen später auch viele diesen Berufsweg einschlugen.

Von dem Geld, das im Kneipenbereich eingenommen wurde, wurden Holzbearbeitungsmaschinen und Siebdrucktechnologien angekauft. Aus den Mitarbeitern dieser Arbeitsgruppen entwickelten sich später die Druckerei im Umweltzentrum und die Firma COMUNA METALL.

Trotz dieser konstruktiven Kultur- und Freizeitarbeit hatten die Fla-Fla-Betreiber ständig mit der Stadtverwaltung Herford zu kämpfen. Johannes Ridderbusch: "Unterstützung in Form von Mitdenken, sich engagieren... für professionelle Inhalte, das, was man vom Jugendamt hätte erwarten müssen, gab es auf gar keinen Fall... Die Politiker und die Verwaltung haben das innovative Denken in Herford nie begriffen."

Trotz aller Widrigkeiten gab es eine feste Gruppe von 30 bis 40 Aktiven, die die Weiterentwicklung des Fla-Fla vorantrieben. So auch, als das Gebäude in der Schillerstraße aufgegeben werden musste. Es gab weiterhin private Treffen, und schließlich wurden auch neue Räume in der Eimterstraße gefunden, die 1980 bezogen wurden.

Die tragende Idee des Fla-Fla war von Anfang an immer die Selbständigkeit. Der Kreis der Beteiligten verjüngte sich im Laufe der Jahre zwar ständig, doch das Prinzip der Selbstverwaltung, das Konsensprinzip bei Entscheidungen, die Gleichberechtigung aller Beteiligten und der Anspruch, ein Zentrum für politische und kulturelle Arbeit zu sein, blieb bis heute erhalten.