Vom Mäusejazz zum Modernjazz - Eine kleine Geschichte des Jazz Club January (2)

 

 

 
2. Von der Petersilienstraße zur Komturstraße

Die Aufbruchstimmung bei den Jugendlichen war so groß, dass sie jetzt ein eigenes Domizil suchten, in dem sie ungestört ihre Jazzmusik hören konnten. Im Januar 1960 fanden sie es in der Petersilienstraße. Nach einigen Bedenken vermietete ihnen Rechtsanwalt Münter dort Räumlichkeiten, nicht viel größer als ein Wohnzimmer, aber groß genug für eine Theke und einen Plattenspieler und für die Lindentau Jazzband mit Hannes Wader an der Klarinette. Es gibt von diesem Konzert noch Filmaufnahmen. Aber immer wieder gab es Ärger mit dem Besitzer des Hauses. Die Argusaugen des Rechtsanwaltes, Stellvertreter des kleinstädtischen Kultur- und Musikverständnisses, beäugten missmutig die Geister, die er in seinen Räumen beherbergte. Diese Geister sollten ihren Jazzgeschmack in der nächsten Zeit schnell ändern. Dixieland, Anfang der 60er Jahre als Mäusejazz disqualifiziert, musste dem Modern und Cool Jazz weichen. Sie fühlten sich als Existentialisten. Protagonisten waren Charlie Parker, John Coltrane und das Albert Mangelsdorff Quintett, das 1962 im kleinen Saal des Herforder Schützenhofes von den Jazzclub-Organisatoren eingeladen wurde. Auch über dieses Konzert gibt es Filmmitschnitte.

Über Nacht wurde der Jazz Club schließlich von Rechtsanwalt Münter auf die Straße gesetzt. Was er da hinaus warf, war ein verschworener Haufen, entschlossen, unter allen Umständen und gegen alle Hindernisse das Jungendkulturprojekt Jazz Club weiterzuführen. Der Jazz Club organisierte in den Jahren ab 1961 Fahrten nach Berlin, Moers, Köln, Frankfurt zu den dortigen Jazztagen. Modern Jazz war angesagt, manchmal Free Jazz; und wenn, wie in Köln, fünf Saxofonisten im freien Stil improvisierten und dazu eine Straßenbahn im Vorbeifahren ihre Klingel ertönen ließ, dann wähnten sich die Jazzfans in ihrer avantgardistischen Musikwolke aufgehoben.

In Herford diente der Clubraum des Hotels Winkelmann in der Werrestraße als Interims-Jazz Club. Oder man traf sich in den Windstuben am Neuen Markt. Schließlich wurde man mit der Firma Leder Kunst einig und mietete die zweite Etage der alten Bonbonfabrik in der Komturstraße an.

(Für die jüngere, aber auch zur Erinnerung für die ältere Generation sei angeführt, dass der rote Backsteinbau, der heute unter Denkmalschutz steht, eines der Kleinode in dem damaligen Ensemble Gehrenberg war. Dazu gehörten die etwas später zugeschüttete Bo-Werre mit der Anbindung an den Stadtgraben, die Brücke über die Bo-Werre mit der funktionstüchtigen Wassermühle, das Friedrichsgymnasium und die katholische Volksschule, ebenfalls ein rotes Backsteingebäude. Ein einmaliges Altstadtensemble, das gänzlich der Stadtsanierung für den Kaufhof, der heute leer steht, und anderen nicht wieder gut zu machenden Stadtplanungssünden weichen musste. Von all den genannten Gebäuden steht nur noch das Gebäude, das den Jazz Club beherbergte, damals in einem typischen Herforder Hinterhof. Den Hinterhof gibt es heute auch nicht mehr. Parkplätze sind die neuen Hinterhöfe in den modernen Städten.)

Im Erdgeschoss befand sich zu jener Zeit noch eine Strickerei; das erste Geschoss stand leer. Ende 1962 wurde der Mietvertrag unterschrieben. Die Etage wurde von den Mitgliedern des Jazz Club vollständig renoviert. Im März 1963 dann gab es eine große Eröffnungsveranstaltung.

1963 war für die Jazzjugendlichen das Jahr der vollkommenen Aufbruchstimmung. Jazzkonzerte mit der heute ältesten Boogie-Woogie-Companie der Welt: Ali Claudi und Band, die nach Bekunden von Ali Claudi mindestens dreißig Mal im Jazzclub aufgetreten sind, mit Hannes Wader, der damals noch völlig unbekannt war und an den Wochenenden häufig den Club besuchte, mit der Modernjazzgroup, deren Pianist Josef Neugebauer das Klavier in der Ecke hinter der Theke und die auf ihm stehenden halbvollen Bierflaschen nach seinen Jazz-Rhythmen tanzen ließ, mit einer Hausband, die nie so richtig als Hausband etabliert werden konnte, obwohl die Musiker guten Jazz machten. Der Jazzclub wurde sehr schnell in der Herforder Szene bekannt.

Vorsitzender war kurze Zeit nach der Gründung Manfred Thielecke, heute Sozialdezernent in Herford. Er konnte seine damaligen guten Beziehungen zum Jugendamt und zu dem zuständigen Jugendpfleger Werner Brock spielen lassen. Der Jazz Club January wurde vom Jugendwohlfahrtsausschuss als förderfähig anerkannt. Hierzu benötigte er den Jugendgruppenleiterausweis. Es gab auch eine Konzession für den Bierausschank, denn zum Jazz gehörte damals auch ein Herforder Pils. Und wer rauchte, der durfte nur Rothändle oder Gauloises rauchen - oder Pfeife. Filterzigaretten waren verpönt. Die Jazz Club-Jugendlichen fühlten sich als Revoluzzer, als etwas Besonderes. Sie waren in der Regel Gymnasiasten. Sie wollten ihren Club nicht jedermann öffnen und installierten am Eingang eine Klingel und eine Sprechanlage. Ohne Auswahl sollten neue Gäste nicht ins Haus gelangen. Man wollte, zumindest in der ersten Zeit, unter sich sein, unter Jazzverständigen. Und diese waren sie wirklich. Es wurden Vorträge über Geschichte und Stilrichtungen des Jazz organisiert. Themen waren "Old Time Jazz", "Swing und Bebop", "Cool Jazz", "Modern Jazz", "West Coast und East Coast Jazz". Nächtelang diskutierte man über Jazz. Man organisierte weitere Fahrten zu Jazzfestivals nach Köln und Moers.

Wer regelmäßig Zutritt haben wollte, musste Mitglied werden. Dazu war ein Mitgliedsantrag auszufüllen, über den der Vorstand des Vereins entschied. Hatte man diese Hürde genommen, folgte zunächst eine Bewährungszeit: Die neuen Mitglieder mussten die ungeliebten Dienste übernehmen: Treppe wischen, saubermachen, Getränke hoch schleppen. Erst wenn diese "Lehrlingszeit" vorbei war, wurde man zum vollwertigen Mitglied des Clubs.

Jazzmusik war für diese Jugendlichen existentiell. Jazz war gewissermaßen eine Art Initiationsritual. "Diese Zeit war eine wunderbare Zeit", so einige der damals Aktiven, die "uns sozialisiert hat". Nächtelang wurden Jazzplatten gehört, mussten die Musiker der Stücke erraten werden. Diese Zeit empfinden die Zeitgenossen im Nachhinein als eine "unheimlich dichte Zeit", als "intensives Jahrzehnt". Viele lernten ihre späteren Ehepartner im Jazzclub kennen. Und immer wieder gab es weitere Highlights, wie den Besuch des Jazz-Clubs durch Klaus Doldinger, der zuvor im Schützenhof mit der Nordwestdeutschen Philharmonie gespielt hatte.

Sieht man sich wie bei den frühen 68ern das Outfit des Jazzfans an, so erkennt man auf Feten und Musikveranstaltungen Jugendliche, die in der Regel Anzüge und Krawatten trugen - auch auf Fotos aus dem Jazz Club der damaligen Zeit - und durchaus den Erwartungen der Erwachsenen dieser Zeit genügten. Erst ein bis zwei Jahre später, 1968/69, wurde auch die Kleidung der Jugendlichen revolutioniert. Es traten andere, jüngere Jugendliche auf den Plan. Diese sollten auch den Herforder Jazz Club von Grund auf verändern. Und es gab nicht mehr solche trotz des Aufbruchs konservativen Anstrengungen, ein vermeintlich homosexuelles Vorstandsmitglied bei den Wahlen abzuwählen.

Neben der Kritik, die Jazz Club-Mitglieder seien zu arrogant, zu snobistisch, gab es allerdings auch immer wieder Probleme mit dem Vermieter Kunst, der in die Fußstapfen seines Vorgängers, Rechtsanwalt Münter, trat.