Vom Mäusejazz zum Modernjazz - Eine kleine Geschichte des Jazz Club January (4)

 

 

 
4. Exkurs zum Thema Jugendphase

 

Jugend wird in der Jugendforschung in der Regel mit der Phase zwischen Kindheit und Erwachsenensein identifiziert. Ältere Theorien waren mehr an biologischen oder anthropologischen Merkmalen wie der Pubertät, mit der die körperlichen und soziokulturellen Entwicklungen und Reifeprozesse die Kindheit abschließen, orientiert. Mit dem Eintritt in das Berufsleben und die Ehe wird hiernach die Jugendphase abgeschlossen. Die nun Erwachsenen lösen sich aus der Jugendkohorte, der bisherigen Subkultur, ändern ihre Lebensstile, ihren Lebenswandel und beginnen, auf eigenen Füßen zu stehen, wenn die finanzielle Abhängigkeit vom Elternhaus nicht mehr besteht. Bei Studenten hat dieser Prozess immer länger gedauert als bei Jugendlichen, die früh ins Berufsleben eingetreten sind.

Die Jugendlichen, die Anfang 1960 in Herford den Jazz Club in der Petersilienstraße, später Komturstraße, gründeten, lassen sich in etwa nach diesem Modell beschreiben. Mit der Familiengründung und dem Ende der Berufsausbildung verließen sie die Jugendkohorte und die Orte, die von ihnen bevorzugt aufgesucht wurden. Ein neues Lebensmodell begann allmählich Konturen zu gewinnen und die Jugendzeit sich als Hort schöner Erinnerungen zu etablieren.

Mit den Jugendlichen, die Mitte der 60er Jahre ihre Jugendphase "starteten", hatte sich Entscheidendes verändert. Umbrüche und Aufbrüche in der Gesellschaft spiegelten sich vor allem in dem sich ändernden Bildungssystem. Es begann die Zeit der längeren Schul- und Ausbildungszeiten nicht nur für eine kleine Schicht des einkommensstärkeren Bildungsbürgertums. Immer mehr Kinder aus Arbeiterfamilien und dem Kleinbürgertum begannen zu studieren. Die beginnende Durchlässigkeit des Schulsystems erlaubte häufiger Übergänge; der Zweite Bildungsweg wurde immer attraktiver; und die einmal abgeschlossene Berufsausbildung war nicht mehr der endgültige berufliche Hafen; Zweitausbildungen galten nicht mehr als Versuche von beruflich Gescheiterten. Heute kursiert das Wort von den beruflichen Patchwork-Biografien. Begriffe wie "lebenslanges Lernen" haben Einzug gefunden in die Lern- und Berufswelt. Kurz: Die Jugendphase verlängerte sich mit all ihren wesentlichen Bestandteilen. Man lernte länger, war länger vom Elternhaus abhängig und heiratete später. Das waren die Anfänge dessen, was Jugendforscher mit "Postadoleszenz" bezeichnen, die sich zwischen die Jugendphase und das Erwachsenenleben geschoben hat. In letzter Konsequenz hat diese Entwicklung mit Hilfe von Werbung und Medien in allen Bereichen des Lebens zu einem "Lebensstil der Jugend" geführt, der altersübergreifend auch von joggenden, vor Gesundheit strotzenden, Designer-Klamotten tragenden 80jährigen adaptiert worden ist. Jugend ist das Markenzeichen schlechthin in den modernen Gesellschaften und garantiert Erfolg in allen Lebensbereichen.

Die Gründer des Jazz Club gehörten nach Helmut Schelsky noch zu der "skeptischen Generation", die die Zeit des wirtschaftlichen Aufbaus bewusst miterlebt hat und deren Aufbruch sich auf die Freizeitphilosophie der Clubatmosphäre, der Parties, von Tanz und Kneipe beschränkte. Erwachsene spielten in ihren Jugendräumen kaum eine Rolle im Gegensatz zu der Jugendgeneration vor ihnen, die sich mangels Angebot an Freizeitmöglichkeiten Räume mit den Erwachsenen teilen mussten. Sie waren noch weitaus mehr familien- und erwachsenenzentriert als alle nachfolgenden Generationen. Noch in den 50er Jahren waren nach Ferchhoff 80% der 15 bis 24jährigen berufstätig, das heißt, sie hatten in der Arbeitswelt und damit auch im Privatleben schon die Stellung von Erwachsenen oder Fast-Erwachsenen.

Die Clubgründer entwickelten eine von Jugendlichen organisierte Jugendkultur, die von den nachfolgenden Generationen ausgebaut wurde. Jugendkultur sollte sich selbst verwalten. Noch etwas später, Anfang der 70er Jahre, entstand aus diesen Impulsen die Bewegung für selbstverwaltete Jugendzentren.


Autor: Peter Biresch, unter Mitarbeit von Gerd Ruebenstrunk