1965 bis 1975 - Stichworte zu einem Jahrzehnt der Veränderung (3)

 

 

 
4. Ereignisse in dem Zeitraum um 1968 an unterschiedlichen Orten

In den 60er Jahren gab es die immer mehr Anhänger findenden Ostermärsche. Am 30.5.1968 wurden die Notstandsgesetze mit 384 zu 100 Stimmen verabschiedet. 1968 wurde Martin Luther King ermordet, demonstrierten in den Zentren von Frankreich, den USA und Deutschland zahlreiche Studenten und Arbeiter gegen den Vietnamkrieg, der mit der Tet-Offensive 1967 eskalierte. Der SDS wurde aus der Mutterpartei, der SPD, ausgeschlossen. Die Kommune I gründete sich. Am 2. Juni 1967 wurde Benno Ohnesorg in Berlin bei einer Anti-Schah-Kundgebung von der Polizei erschossen. Zahlreiche Bildzeitungs-Auslieferungslager wurden blockiert. Es gab überall im Lande Anti-NPD-Demonstrationen.

Im Oktober 1969 stellte die sozial-liberale Koalition die Bundesregierung. In China begann 1966 die Kulturrevolution, 1967 der 7-Tage-Krieg zwischen Israel und den arabischen Staaten. Die Reformbestrebungen des "Prager Frühlings" wurden 1968 mit dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staat brutal zunichte gemacht. In diese Zeit fielen die Streiks und Demonstrationen des Pariser Mai, die Streikbewegungen in Italien, die Massaker bei Studentenunruhen in Mexiko, der Bürgerkrieg in Nigeria und die Hungerkatastrophe in Biafra. Filmemacher wie Godard, Truffaut, Malle, Polanski verhinderten 1968 die Eröffnung der Filmfestspiele in Cannes. Bei den Olympischen Spielen in Mexiko 1968 erhoben beim Abspielen der US-Nationalhymne "The star spangled banner" die beiden farbigen Sieger (erster und dritter Platz über 200 Meter) die schwarze Handschuhfaust gen Himmel: eine Demonstration der Black Power-Bewegung. Beim Woodstock-Festival 1969 spielte Jimi Hendrix seine Version der amerikanischen Nationalhymne. 1969 landeten die Amerikaner auf dem Mond.

Dies sind nur einige der Ereignisse, die in den 60er Jahren statt gefunden und die Welt bewegt haben. Die Welt war im Wandel begriffen. Es entstand ein Wandel der gesellschaftlichen Räume. Die Bedeutung aller Orte veränderte sich, ihre Hierarchien wandelten sich, Nachbarschaftsbeziehungen veränderten sich, familiäre Beziehungen, die Transportmittel und -wege, die Räume des Aufenthalts, des Wartens, Verweilens, des Gesprächs, Cafés, Kinos, der Feste, des Reisens - alle diese Räume erodierten, expandierten und das mit einer zunehmenden Geschwindigkeit. Auch die möglichen Räume, die Utopien, veränderten sich, die Orte des Bildungswesens und der Erziehung. Es war die Zeit des Aufbruchs. Wo ging es hin?

5. Die 68er-Bewegung in der BRD

Die deutsche 68er Bewegung sah sich als demokratische, später als sozialistische und kommunistische Bewegung, die sich mit ihren antikolonialistischen und antiimperialistischen Impulsen mit den Befreiungsbewegungen der Dritten Welt solidarisierte. Sie hatte internationalistischen Charakter. Triebfeder waren die Studenten des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) und die vielen kleinen Republikanischen Clubs und politischen Zirkel in den Städten, in denen sich die kritischen Intellektuellen sammelten, nächtelang diskutierten und Aktionen vorbereiteten - wie die aktion 49 in Herford. Zielvorstellung war die Umwandlung des parlamentarischen Systems in eine sozialistische Demokratie. Das erforderte nach Ansicht der 68er eine demokratische Hochschule und die Abschaffung der Ordinarienuniversität, die Abschaffung der Notstandsgesetze, das Verbot der NPD, die sich anschickte, Länder- und Kommunalparlamente mit Abgeordneten zu besetzen, die Beschränkung des Springer-Verlages mit seiner Bildzeitung, das Ende des Vietnam-Krieges mit dem Abzug aller amerikanischen Truppen, das Ende der Ausbeutung der Völker der Dritten Welt durch die Länder des Imperialismus, die Abschaffung der Diktaturen auch in Europa (Griechenland, Portugal).

1968 war eine Art Wende für die BRD. Zahlreiche Menschen konnten für die Ziele wie die Abschaffung der Notstandgesetze mobilisiert werden. So waren es am 11. Mai 1968 60.000 Menschen im Bonner Hofgarten beim Sternmarsch auf Bonn, beteiligten sich Tausende an den Kampagnen gegen den Pressekonzern Axel Springers, gegen die Wohlstandsgesellschaft und Massenkultur, gegen den Vietnamkrieg.

In der Blütezeit der APO-Bewegung, als diese sich aus den spontanen Zirkeln zu verschiedenen linken und revolutionären, sozialistischen und kommunistischen Gruppierungen organisierte, sollen es 80 - 100.000 Aktivisten gewesen sein. Zahllose Demonstrationen hielten ein wachsendes Heer von Polizisten auf Trapp. Nicht selten kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, die in den 70er Jahren im Häuserkampf, im Kampf für selbstverwaltete Jugendzentren, in der Anti-AKW-Bewegung mündeten.

Die ehemals spontanen und basisdemokratischen Zirkel, Republikanischen Club wie die aktion 49 in Herford, organisierten sich zu sogenannten Kaderorganisationen wie den Roten Zellen, der KPD/ML, dem KBW, die jeweils nationale Zentren bildeten, denen sich die dezentralen Ortsgruppen unterzuordnen hatten. Große Teile der westdeutschen Intelligenz hatten sich - wie es Gerd Koenen in seinem Buch "Das rote Jahrzehnt" formuliert - in dieser Zeit fünf Jahre lang in einem Geschichts- und Gesellschaftsverständnis eingerichtet, das sich Mitte der 70er Jahre zugunsten der Friedensbewegung, der ökologischen Bewegung, die schließlich in der Gründung der Partei der Grünen gipfelte, auflöste.

Die Rote-Armee-Fraktion (RAF) war sozusagen das letzte falsch verstandene Relikt des weiter geführten Kampfes gegen das herrschende System mithilfe der Stadtguerilla. Untergrund, Morde, Anschläge, Überfälle gehörten zur Praxis dieser Gruppierung, die einen Kampf führte, der so von vielen nie intendiert war.

Die Protestbewegung hatte als antiautoritäre Bewegung begonnen, als Bewegung zur Emanzipation von überkommenen Strukturen, hin zu mehr Demokratie und Mitbeteiligung. Sie entwickelte ein sensibles Wahrnehmungssystem für eben diese autoritären Strukturen, um sie dort zu bekämpfen, wo sie dingfest gemacht werden konnten. Mit ihr nahm die Entwicklung der BRD eine Wende, die nach Wolfgang Kraushaar einer "soziokulturellen Nachgründung" der BRD gleich kam. Richard von Weizsäcker gar erhob in einer Rede am 3. Oktober 1990, dem ersten Tag der deutschen Einheit, die Jugendrevolte zu einem Baustein der Erfolgsgeschichte der BRD. Erst jetzt beginnt die BRD ihr Potential zu entwickeln: politisch, gesellschaftlich, wirtschaftlich, kulturell.

Doch zuvor noch gab es zahlreiche Aktionen wie mehrtägige Blockaden gegen Druck- und Auslieferungsstellen der Bildzeitung im ganzen Land und Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei, bei denen in beiden "Lagern" zahlreiche Personen verletzt wurden.

Es wurde ebenso gegen den amerikanischen Imperialismus in Südamerika und Vietnam wie gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten im August 1968 in der Tschechoslowakei demonstriert. Es gab Schülerstreiks und Verkehrsblockaden, Fahrpreiskämpfe in den Städten Bremen, Hannover, Heidelberg, Herford, zahlreiche subversive Aktionen, Besetzungen von Universitäten, "Umbenennungen" wie der Frankfurter Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Karl-Marx-Universität. Es gab Initiativen, die sich um Fragen der Wohngebiete kümmerten, um Altstadtsanierungen, "revolutionäre Betriebsarbeit", Jugendarbeit, um schulische Fragen, Fragen der Sexualität. Es gab universitäre Basisgruppen, die in den Hochschulgremien arbeiteten, Weiberräte, die sich den Fragen der Emanzipation und der Gleichberechtigung der Frauen widmeten, sozialistische Anwaltskollektive, die die "Genossen" bei Prozessen verteidigten, Kinderläden, die antiautoritäre Erziehungsstile praktizierten.

Schließlich kam es zur Gründung von sozialistischen und kommunistischen Kaderorganisationen, die sich mit den Schriften von Marx und Engels und der Befreiungsliteratur der Dritten Welt (z.B. Regis Debrais, Franz Fanon) beschäftigten und die Erkenntnisse in Begründungszusammenhänge für politische Aktionen einfließen ließen. Die Lehren Lenins und Mao Tse Tungs, die zu absoluten Autoritäten wurden, erweiterten das Spektrum der Schriften, die sich mit der revolutionären Theorie und Praxis befassten. Unzeitgemäße Führer- und Organisationskulte mit strengen Hierarchien entwickelten sich aus der einst so spontanen, antiautoritären Revolte der APO.

Antiautoritäre Kinderläden, spontane Sit-ins, Sexualität, die Beschäftigung mit Literatur, Psychologie, Philosophie, alles wurde eindimensional durch ein Modell des Leninismus und des Maoismus abgelöst. Man las die Schriften der deutschen KPD der 20er und 30er Jahre: Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Karl Korsch, Ernst Thälmann, die Texte Bertold Brechts, die Lyrik Majakowskis, die Erziehungstheorien Makarenkos und sah die Filme von Sergei Eisenstein. Es kursierten die Brecht-Texte in den Vertonungen von Hanns Eisler und Kurt Weill. Linke Buchläden, die in allen Städten entstanden, belieferten die lesehungrigen Aktivisten mit diesen Texten, teilweise mit sogenannten Raubdrucken, deren Produktion schon revolutionär und deren Preis natürlich erschwinglich war. In vielen Wohnungen und Studentenbuden zierten die gesammelten Werke von Marx und Engels (die blauen Bände) mit den drei Bänden "Das Kapital" die Bücherregale. Lenins Werke (die braunen Bände) und die vier Bände (blassgelb) des "Großen Vorsitzenden Mao Tse Tungs", Georg Lukacs, Gramsci, Pannekoek, Trotzki, Kim Il Sung und schließlich die Werke Stalins (rote Bände).

Und sie wurden auch gelesen, häufig gemeinsam in den Schulungen, die von denjenigen angeleitet wurden, die meist nur einen kleinen Lesevorsprung hatten. Und es ging streng zu. Jeder ordnete sich der Schulungsdisziplin unter. Dieselbe Disziplin ließ auch die langen Haare der Beat- und Hippiezeit fallen, die bislang noch als wichtiges Zeichen des Protestes gegolten hatten. Vor dem Werkstoren mussten die kommunistischen Flugblätter und Zeitungen verteilt und verkauft werden. Das ging nicht mit langen Haaren. Ebenso nicht in der bis dahin legeren Kleidung, den Parkas und Jeans, den Turnschuhen und Halstüchern. Die Arbeiter, die man gewinnen wollte für den Kampf, mussten in "seriöser" Erscheinung agitiert werden. Nicht wenige Studenten gingen in die Betriebe als Arbeiter oder Lehrlinge. Man heiratete, weil die Ehe dem Verständnis und der Kultur der Arbeiter näher zu liegen schien, als die sogenannten "wilden Ehen" oder Wohngemeinschaften oder gar Kommunen. Man lernte und sang die Arbeiterlieder der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts wie das "Solidaritätslied" von Bertold Brecht oder die "Internationale".

Ein wichtiger Aspekt war der Kampf um die "richtige Linie". Wurde die DKP, die als Ableger der DDR galt, ideologisch bekämpft, so entwickelten sich auch ideologische Kämpfe unter den in rascher Folge gegründeten kommunistischen Parteiorganisationen wie der KPD/ML (Zentralorgan "Roter Morgen"), der KPD/AO (Zentralorgan "Rote Fahne"), dem KABD, der den albanischen Weg zum Sozialismus favorisierte, dem KBW (1973 gegründet, hatte er 1975 etwa 100 Ortsgruppen, Zentralorgan "Kommunistische Volkszeitung"), um nur einige der wichtigsten sogenannten K-Gruppen zu nennen. Ende der 70er Jahre gab es nur noch einige wenige K-Gruppen mit wenigen Mitgliedern. Der Aufbruch der APO endet mit dem Zerfall der K-Gruppen und mündete schließlich 1980 in die Gründung der Partei der Grünen.




 

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